DJ-Guide
Ein guter DJ zu werden, ist gar nicht so leicht. Gelernt habe ich aus online-Quellen, bei Workshops, durch Beobachten und Diskussionen mit anderen DJs - und durch konstruktive Kritik meiner Tänzer. Für Neulinge und Erfahrene, die nach neuen Tips und Tricks suchen, habe ich diese Kurzanleitung für DJs geschrieben, freilich völlig subjektiv. Kommentare sind jederzeit willkommen!
Voraussetzungen
DJing funktioniert wie alles im Leben: 98% Arbeit, 1% Genie, 1% Glück . Grundsätzlich gibt es also keine Voraussetzungen, aber einige Dinge, die die Ausbildung erleichtern, z.B.
- Tanzerfahrung und Besuch vieler verschiedener Milongas
- Etwas Führ-Erfahrung (ja, Mädels... wenn man wissen will, ob ein Stück tanzbar ist, sollte man sich Führ-Varianten vorstellen können)
- Bereitschaft, dazuzulernen und sich in die Geschichte des Tango, seiner Komponisten und Orquesta zu vertiefen
- eine musikalische Ausbildung ist hilfreich, ebenso wie Grundkenntnisse im Spanischen, um die Tangotexte/-titel zu verstehen
- ein ausreichendes Budget für Laptop und CDs (letztere allein summieren sich auf ca. 2000€)
- viel viel Freizeit (ne gute DJ-Datenbank braucht schon an die 500 Arbeitsstunden...)
- Kreativität
Musik-Quellen
Generell: davon kann man einfach nicht genug haben ;-) Ich glaube nicht, dass man mit 5 CDs erfolgreich und abwechslungsreich auflegen kann, aber ca. 50 Stunden gut ausgesuchte Musik scheinen ein guter Anfang zu sein.
Erwerben kann man die Musik zum einen bei Amazon oder auch bei Spezial-Tangoshops wie ZiVals/BsAs, Danza y Movimiento/Hamburg, El Bandoneon/Barcelona, Milonga.co.uk/Bath, alle auch online zu finden. Für Anfänger ist die "Tango de mi vida"-Collection von RialProducciones prima - viele klassische Titel im noch-ok-Soundformat zu billigem Preis. Legale Download-Anbieter itunes oder Tangoload bieten Preisvorteile durch gesparte Material- und Versandkosten.
Für mich ist es wichtig, nicht nur traditionellen Tango zu haben und zu kennen, sondern auch moderne Tango-Orchester, non-tangos und electrotango. Tango entwickelt sich weiter, sowohl in der Musik als auch im Tanz, und ich möchte nicht nur für die Vergangenheit auflegen, sondern Tango eine Chance geben, sich auf breitem Feld weiterzuentwickeln. Und die meisten Tänzer, insbesondere die richtig guten, fliegen auf unbekannte, verrückte Stücke, sofern sie wirklich zum Tanzen anregen.
Mehr Info, insbesondere, wie man eine Tango-Sammlung aufbaut, gibt's online: Traditioneller Tango, Electrotango
Software
Es gibt verschiedene DJing-Software - ich verwende, wie die meisten semi-professionellen DJs und nach langem Probieren, itunes. Ein anderes, biliges und oft verwendetes Programm ist J River Media Center ($ 35), das allerbeste - aber auch wahnwitzig teuer (€ 499) ist BPM Sound Studio.
Was mir an itunes gefällt:
- viele verschiedene Sound-Formate (aac, mp3, wma, ogg) werden unterstützt
- die Bibliothek wird automatisch sortiert (auch für später hinzugefügte Daten)
- die Lautstärke der Stücke wird beim Import automatisch angepasst, zusätzlich ist manuelle Anpassung für jedes Stück individuell möglich (z.B. sind meine Cortinas ein bißchen leiser) oder kann mit einem gesonderten Programm (igain) automatisiert vorgenommen werden
- itunes bietet viele Möglichkeiten, die Files zu taggen, d.h. der Musik Begleitinformation beizufügen. Ich verwende "Komponist", "Kommentar" für den Sänger, "Gruppierung" für eine grobe Stileinordnung (z.B. Guardia Vieja, siglo de oro, electro)l "Rating" für Tanzbarkeit - eine Gesamteinschätzung von Tempo, Character des Stückes, Soundqualität, Gesangsanteil, "BPM" für Beats per minute und "Text" zumindest für die Übersetzung des Titels
- Abspeichern dieser Daten auf dem File - und nicht sonstwo am PC - geht per Knopfdruck und braucht kein extra Programm
- der "start at" - "stop at"-Modus hilft, Applaus oder ein zu langes Intro auszublenden, ohne gleich mit Cutting-Software arbeiten zu müssen
- verschiedene Equalizer verbessern die Soundqualität substantiell - besonders empfehlenswert bei alten Tangos, oder solchen mit hohem Gesangsanteil
- "doppelte Songs anzeigen" verhindert, das sich dasselbe Stück 23 Mal auf der Festplatte tummelt
- Files können innerhalb von itunes von aac (itunes' Format) zu mp3 konvertiert werden - und werden dann sie von der meisten cutting-Software und/oder anderen Media-Playern akzeptiert
- crossfade-playback erlaubt, Anfang und Ende zweier Stücke zu blenden - schön, wenn man sanfte Übergänge für electro- oder alternative schaffen möchte
- die Anzeige des Covers ist ganz nett zum Gucken - und spart Zeit beim Suchen nach neuen CDs. Meist vergisst man den Titel, nicht aber das Cover.
- CD-Cover oder Playlists können einfach ausgedruckt oder online veröffentlicht werden unvorteilhaft ist, dass das itunes-Soundformat von der meisten cutting-Software nicht akzeptiert wird, und man somit immer in mp3 umwandeln muss. Will man die Musik von einem Kleingerät hören, so muss dies ein (doch recht kostspieliger) ipod sein. Und Videos spielt man besser auch mit einem anderen Player ab.
Musikbearbeitung
Um ein wirklich guter DJ zu werden, ist es unerlässlich, seine Musik zu kennen und kontinuierlich damit umzugehen. Ich schätze die Zeit, die ich auf die Einrichtung meines DJ-Systems mit etwa 4000 Stücken aufgewendet habe, auf ca. 500 Stunden - und heute noch versuche ich, eine Stunde täglich nur an der Musik zu arbeiten (das reine Zuhören so ziemlich rund um den Tag zählt dazu nicht)
Was also ist zu tun?
Unabkömmlich: Musik von CD auf den Computer kopieren - bei der File-Benennung (Titel und Orquesta) helfen online-Datenbanken, die das automatisiert übernehmen, sofern man beim CD-Import online ist. Das Soundformat sollte IMHO gleich oder höher als 128kbit sein - mp3 oder aac ist ausreichend. Auf der Tango-Newsgroup werden Bitrate und Soundformat immer wieder kontrovers diskutiert - wer mehr wissen will, möge sich dort informieren.
Notwendig: die Stücke durchhören, und auf Tanzbarkeit achten: klarer, hörbarer Rhythmus, voller Sound, nicht zusehr auf Gesang basierend. Prüfen, ob die Stille nach jedem Stück gleichlang ist - wenn nicht, schneiden oder hinzufügen (audacity, s.u.).
Wichtig: die Files mit Zusatzinformation versehen (=taggen): Jahr der Aufnahme, Sänger, Genre (Tango-Vals-Milonga), Stileinordnung (Guardia vieja-sieglo de oro-electro, mehr Kategorien hier)
Praktisch: Beats per minute zählen (z. B. mit diesem Tool); die Stücke nach Tanzbarkeit bewerten; zu lange Stücke (insbesondere electro) kürzen
Profi-mäßig: die Stücke charakterisieren (dazu muss man sich einen eigenen Code erfinden), Stücke beschleunigen oder verlangsamen, um sie auf eine angenehme Tanz-Geschwindigkeit zu bringen
Für die Arbeit an den Files verwende ich die audacity-freeware - kostenlos, einfach zu handeln, beinhaltet aber alle nötigen Funktionen. Zum Export als mp3-Datei braucht man zusätzlich einen sogenannten Lame-Encoder, ebenfalls Freeware. Features, die man öfter mal braucht: Schneiden (Applaus, zu lange Stille vor/nach einem Stück) Stille generieren (falls nicht schon in den Files), Cross-Fade in/out, falls der Applaus noch am Ende des Stückes beginnt, auch gut für die Herstellung von Cortinas, Effect - Tempo ändern (oder auch: Tonhöhe und Tempo ändern): manche Tangos wurden durch die Aufnahme um einen Halbton verzerrt - das macht man mit diesem Tool rückgängig. Ebenso wirken moderen Tangostücke, alternatives oder ElectroTango manchmal besser mit angepasster Geschwindigkeit, z.B. "J'oublie"/Oblivion von Milva von 32 auf 48 bpm beschleunigt, "Catalina" von Lomuto von 78 auf 67 bmp gebremst.
Dann sollte man sich noch einige Cortinas besorgen - gut sind sie, wenn man absolut nicht drauf tanzen kann, und zwischen 20 und 40 Sekunden dauern. Ich spiele sie meistens leiser als die normale Tanzmusik. Eine Resource ist der normale CD-Schrank - manchmal verwende ich auch "Specialties", z.B. für Valentinstag, Día de la raza, Halloween oder Weihnachten. Es wirkt auch gut, nur Cortinas einer Stilrichtung (z.B. Jazz) im Laufe des Abends zu verwenden; bei Tänzern, die das Cortina-Konzept noch nicht kennen, verwende ich oft auf nur eine einzige pro Abend (beim 5.Mal schnallt's jeder ;-)). Manche DJs sagen anstelle einer Cortina auch einfach die nächste Tanda an - mehr dazu unter DJing = Musikerziehung für die Community?
Lautstärkenanpassung kann zwar in itunes für jedes File vorgenommen werden (schön ist z.B., wenn romantische/traurige Songs leiser als dramatische gespielt werden), dennoch sollte man - insbesondere wenn man aus verschiedenen Quellen importiert hat - irgendwann die Lautstärke auf einen Standard setzen. Das geh zwar an sich in itunes, aber besser ist iGain - installieren, durchlaufen lassen, gut ist's. Unbedingt daran denken, danach die Festplatte zu defragmentieren - ansonsten holpert's.
Tandas
Soll man mit oder ohne Tandas auflegen?
Ich ziehe es vor, mit einer klaren Tanda-Struktur aufzulegen - die Tänzer wissen, was sie bei den nächsten Stücken erwarten können, und können darauf basierend entscheiden, ob sie und mit wem sie tanzen wollen. Desweiteren erscheint es mir auch nötig, die Tandas mit einer Cortina zu trennen, um den musikalischen Stilwechsel anzuzeigen. Wenn es die Tänzer gar nicht verstehen, oder ich eine kleinere Milonga auflege, in der die Tänzer nicht so oft den Tanzpartner wechseln können oder wollen, verwende ich statt einer Cortina 5 Sekunden Stille. Wenn man hingegen sehr wenige Tänzer hat, oder nur eine kurze práctica auflegt, kann es vorteilhaft sein, ohne Tandas aufzulegen, um möglichst vielfältige Musik zu berücksichtigen und den Energiefluss auf der Tänzfläche nicht ständig zu unterbrechen. Meistens schaffe ich aber dennoch kürzere Tandas (2-3 ähnliche Stücke), und verbinde diese Strukturen dann mit der nächsten. Zwischen zwei klassischen Tango-Sektionen passt meistens ein non-Tango recht gut. Im alternative/electro-Teil einer Milonga kann man auch crossfade-playback einsetzen, und Anfang und Ende der einzelnen Stücke blenden - ein sanfter Übergang. Manche Tänzer lieben's, andere mögen's gar nicht - eine kontroverse Taktik, die aber durchaus einen Versuch wert ist.
Wie stellt man gute Tandas zusammen?
Das sollte man zuhause, vor der Milonga erledigen - Tandas aus dem Stand zusammenzustellen, erfordert einiges an Konzentration und Erfahrung.
Am besten lernt man die Zusammenstellung einer guten Tanda, in dem man sich Beispiele ansieht (z.B. hier), und drüber nachdenkt, warum sie so zusammengestellt wurden. Wenn man dann mal eine Tanda nicht nachkonstruieren kann, weil das passende Stück fehlt, sucht man einfach ein anderes aus der vorhandenen Musik - und wächst so langsam ins Tanda-Bauen rein. Ob eine Tanda verwendbar ist, entscheidet sich beim Anhören - einfach durchlaufen lassen, und versuchen, dazu zu tanzen. Wenn eine Tanda richtig gut ist, funktioniert sie meistens auch verkehrtherum (4-3-2-1), es sei denn, das erste Stück hat ein Intro. Wenn man mal in der Übung ist, kann man auch nur überprüfen, ob Ende und Anfang zweier Stücke zusammenpassen.
Die Grundregeln:
- Genres werden nie gemischt: eine Tango-Tanda besteht aus 4 Tangos, eine Vals-Tanda hat 3 oder 4 Valses - diskussionswürdig, ich nehme normalerweise nur drei, um Langeweile zu vermeiden, eine Milonga-Tanda hat ebenfalls 3 or 4 Stücke - m.E. sind 3 genug, weil die Tänzer sich sonst zu schnell ermüden
- Innerhalb einer Tanda spielt man dieselbe Orquesta, oder zumindest nur Stücke aus einem engen Zeitrahmen (~ 4 Jahre). Für Vals und Milonga kann man zumindest die Orquesta-Regel lockerer halten - stilistische Konsistenz ist da wichtiger. Andere Themen für die Tanda-Zusammenstellung sind z.B. witzige Tangos, lyrische Tangos, Tangos aus einem bestimmten Land (Russland, Türkei, Finnland...), dennoch sollte musikalische Kohärenz sichergestellt sein. Sänger - wenn sie mit derselben Orquesta auftreten - können innerhalb einer Tanga gemischt werden Schwieriger ist es dagagen, instrumentale und gesungene Stücke zu mischen. Stück 1+2 instrumental, 3 gesungen, 4 instrumental funktioniert meistens.
- Die Stücke sollten einen ähnlichen Stil haben (Moll/Dur, fröhliche/dramatische Klangqualität), aber nicht total gleich sein. Dabei gilt weiterhin: Das erste Stück muss bekannt sein, die Leute auf die Tanzfläche ziehen. Es kann auch ein Intro haben (Sänger spricht, Orquesta spielt ohne Beat) Das zweite und dritte Stück können weniger bekannt sein, aber sollten Stil und Energie des ersten aufrechterhalten; Intros sollten hier nicht mehr vorkommen (falls doch - schneiden), das letzte Stück muss wiederum bekannt und "stark" sein, um die Leute auf der Tanzfläche zu halten für die nächste Tanda
- Bei alternative und electrotango können die Tandas kürzer sein. Eine Möglichkeit, die Tangos anzuordnen (nach Tine Herremann): 1. energiereich oder witzig, 2. loungy/hypnotisch, 3. jazzy/bluesy, 4. langsam
- Niemals düren aufgelegt werden Adios Muchachos (bringt Unglück, sagt man), ein Stück mit Carlos Gardel als Sänger, da seine Tangos als canciones - Zuhörstücke - gedacht waren und Tanzen darauf mangelnden Respekt für den König des Tangos vermuten ließe) und La cumparsita in der Mitte des Abends - sonst packen die Leute zusammen.
- Dagegen sind 2-4 Version von La cumparsita zum Abschluss des Abends perfekt - eine alte Tradition aus BsAs, die anzeigt, dass sich der Abend seinem Ende zuneigt. Gleichzeitig sollte man die letzte Tanda ankündigen, so dass jeder mit seinem Lieblingstänzer tanzen kann. Ein oder zwei Jazz- oder Klassik-Stücke zum Zusammenpacken und Heimgehen vermeiden die triste Stille am Ende einer Milonga, und lassen die Leute mit nem Lied im Ohr heimgehen.
Und so kann man die Regeln brechen:
- Weniger als 4 Tangos per Tanda, insbesonder bei electrotango und non-tangos, als Beispiel: Gotan-Tango: Celos und Amor porteño
- Nicht dieselbe Orquesta, insbesondere bei alternative - vier gleiche sind langweilig. Beispiel: Finnische Tanda: Kotkas Ros and Täysikuu von Sanna Pietäinen, Milonga triste von Hugo Diaz
- Thema-Tanda: dasselbe Stück in verschiedenen Stilen (sollte man aber ansagen, um den Tänzern Überraschungen zu vermeiden) Beispiel: Hernando-Tanda: El escondite de Hernando von Alfredo de Angelis, Hernando's Hideaway von Max Raabe/Palastorchester, Dance with me von Debelah Morgan
- Gelegentlich einen non-Tango zwischen traditionelle Tangos schmuggeln - prima, um Traditionalisten an alternative Musik zu gewöhnen, und ein Energie-Booster. Aber auf stilistische Kohärenz achten (melancholisch/dramatisch/sanft). WARNUNG: in der DJ-Newsgruoup haben sich mich für diesen Vorschlag fast virtuell gesteinigt - nicht jeder findet das Konzept gut. Also: zumindest Vorankündigung! Beispiel: Gallo ciego, Yunta de oro, A fuego lento von Color Tango, El Tango de Roxanne vom Moulin Rouge Soundtrack
- Genres mischen, um im Stil zu bleiben - gut für Milongas mit Themenhintergrund, am besten, wenn man ohne Tandas/Cortinas auflegt. Beispiel: Klezmer Tanda: Ajde jano and Time von Kroke (Tangos), Di goldene pave von The Klezmatics (Vals)
Ablaufplanung
Tanda-Zusammenstellung:
Im Groben halte ich mich an Folgendes:
Genres (quer durch alle Stile): 50-70% Tango, 20-25% Vals, 15-20% Milonga
Stilrichtungen für eine normale Milonga, falls nicht abweichend mit dem Veranstalter besprochen (quer durch die Genres): 60-70% klassischer Tango 15-20% non-tangos: klassische Musik, Jazz, Latin, gelegentlich Rock und Pop, 10-15% electrotango
Keith Elshaw meint, dass folgende 8 große Orquestas auf keiner Milonga fehlen sollten: Osvaldo Pugliese, Carlos di Sarli, Francisco Canaro, Angel d'Agostino mit Angel Vargas, Juan d'Arienzo, Miguel Caló, Anibal Troilo (der fällt öfter mal aus, genauso wie Tanturi), Ricardo Tanturi. Das gilt natürlich für eine 3-6 Stunden-Milonga - bei kürzerer Zeitdauer wird es schwierig, alles zu integrieren.
Man kann natürlich auch eine andere Tanz-Tanda einbauen, je nachdem, wer zur Milonga kommt - Salsa, Chacarera, Rock'n'roll sind durchaus üblich. Allerdings verscheuchen mehr als zwei Unterbrechungen pro Abend die Tangueros, die nichts anderes tanzen können oder wollen, und immer nach einer Unterbrechung ist die Stimmung weg - der DJ muss also nochmal von vorn anfangen. Das klappt ganz gut mit einem Kurz-Zyklus mit mit energiereicher, aber nicht dramatischer Musik (Caló, di Sarli).
Beispiele für gesamte Milongas: hier [31 KB]
der typische Abend - viel traditionell, ein bißchen alternativ spät nachts; diese [21 KB]
und diese [34 KB]
sind nachmittags-Tanz-Tees; und das [22 KB]
komplett alternativ
Tanda-Ablauf:
Viel davon kann man schon im voraus tun - wenn man regelmäßig in einer community oder an einem Ort auflegt, bekommt man ein Gefühl dafür, was funktioniert und wie sich die Energiekurve im Laufe des Abends entwickelt. Aber: man kann nicht alles vorhersehen - im Laufe eines Abends ist es oft nötig, Tandas umzustellen, um auf das zu reagieren, was sich auf der Tanzfläche abspielt.
Normalerweise gibt es die folgenden Methoden, Tandas im Laufe einer Milonga aneinanderzureihen: Kurzzyklus (~40 Minuten): 4 Tangos, 3-4 Valses, 4 Tangos, 3-4 Milongas (prima am Anfang des Abends, um Energie aufzubauen), Mittlerer Zyklus (~50 Minuten): 4 Tangos, 4 Tangos, 3 Valses, 4 Tangos, 3 Milongas (Normalfall oder um die Energie aufrechtzuerhalten), Langer Zyklus (~60 Minuten): 4 Tangos, 4 Tangos, 3 Valses, 4 Tangos, 4 Tangos, 3 Milongas (Normalfall, besonders gut später am Abend)
Weitere Regeln:
Zwei aufeinanderfolgende Tandas sollten nicht zu ähnlich sein, sondern sich im Stil (nicht notwendig auch in der Orquesta) unterscheiden. Der Abend fängt mit sanfter Musik an, die Klimax wird ca. eine Stunde vor Ende erreicht, dann kommt eine cool-down-Phase mit einer kleinen Klimax zum Ende. Der Abend beginnt mit traditionellem Tango - je später es wird, desto mehr alternative oder electrotango kann man bringen.
Erfahrungswerte, was gut läuft:
früher Abend: Anfänger-freundliche Musik: nicht zu langsam oder schnell, klarer Beat, z.B. Canaro, d'Arienzo, de Angelis
prime time (die Tänzer trudeln ein...): voller Klang (di Sarli, Tanturi, Canaro, d'Agostino) und Valses (Caló, de Angelis). Kurze energiegeladene/dramatische Zyklen mit langen, sanften abwechseln.
später Abend (die Tänzer werden müde...): energiereiche Musik (Pugliese, moderne Orquestas), alternative/electrotango und ein bißchen Milonga
früher Morgen (nur die Besten bleiben...): dramatisch (Pugliese, Salgán, Piazzlolla), hypnotisch (electrotango) und langsam auslaufen lassen (di Sarli, alternative, Jazz-non-tango)
Milonga und Feedback
Wer vorbereitet, hat's nachher leichter - nur noch rechtzeitig kommen, Computer und Soundanlage anstöpseln, soundcheck - und die Playlist starten.
Leider ist es sooo einfach doch wieder nicht - meistens bleibt zwar meine Tanda-Auswahl gleich, aber ich stelle die Tandas um, weil die Energiekurve auf der Tanzfläche anders verläuft, als ich mir das vorgestellt habe oder es wieder mal eine Geburtstags-Vals oder eine Rede gibt, die die Atmosphäre zerstört und neuen Spannungsaufbau erfordert. Wenn ich meinen netten Tag hab, und viele begeistert Milonga tanzen, gönne ich ihnen ein extra-Stück - oder erfülle Musikwünsche, natürlich eingebettet in eine Tanda. Und dann muss man auf Anzeichen für Probleme achten:
- die Tanzfläche ist plötzlich leer: Musik zu schwierig zu tanzen, zu langweilig, zu ähnlich der letzten Tanda - schnell ändern, meistens hilft Vals
- Tänzer wechseln nicht durch: Musik ist zu ähnlich - oder es ist ganz einfach spät, und jeder hat seinen Lieblingspartner im Arm
- viel Geschubse: zu lebhafte Musik für einen zu kleinen Raum, zuviele Leute auf der Tanzfläche - ruhiger werden (Caló, lounge-non-tango), Vals und Milonga vermeiden
- sogar gute Tänzer kommen mit der Musik nicht zurecht: zu geringe Lautstärke, oder das Stück ist - falls non-tango oder alternative - nicht tanzgeeignet
- Tänzer tanzen zur Cortina: zu lang oder zu rhythmisch; bei guten Tänzer, die die Regeln kennen, zeigt es meist, dass es Zeit für alternative ist
Weiterlernen
Nach der Milonga ist vor der Milonga! Als ich nur tanzte, fielen mir die DJs positiv auf, die wirklich an ihrem Stil arbeiten und sich verbesserten. Daher versuche ich auch, mich von Milonga zu Milonga weiterzuentwickeln:
- Wenn ständig Abänderungen von der Tanda-Aneinanderreihung nötig waren: was war das Problem? Strategischer Fehler oder einfach nur eine Störung, müde Tänzer, oder ähnliches?
- Feedback macht erst richtig gut - auch wenn es Mut braucht, es einzufordern. 1-2 Leute pro Milonga fragen, insbesondere gute Tänzer, und solche mit abweichendem Musikgeschmack. Was hat gefallen, was nicht? Gibt es konkrete Änderungsvorschläge? Gutes Feedback führt dazu, dass sich mehr und mehr Tänzer mit verschiedenen Wünschen in deiner Milonga wiederfinden - und wohlfühlen.
- Systematisches Analysieren der Milonga-Zusammenstellung (Tango-, Vals., Milonga-Anteile) und Bestimmen des Fit mit der Location und den Tänzern. Dann die nächste Milonga genauer auf die Zielgruppe zuzuschneiden.
- Wenn man häufiger in einer bestimmten community auflegt, ist eine Umfrage hilfreich: wieviele mögen traditionelle Musik? Wer hört normalerweise Jazz und würde darum Jazz-non-tango mögen? So kann man die Wünsche der Tänzer noch besser in die Milongagestaltung einbringen.
- Nach ein paar Monaten auflegen hat man viele Tandas, die so bequem vorgefertigt sind, und die die meisten Tänzer mögen. Also legt man sie immer und immer wieder auf. Halt - Recycling ist nicht wirklich toll. 3-5 alte Tandas pro Abend dürfen es ruhig sein, der Rest wird neu herausgesucht - so bleibt die Abwechslung erhalten.
Auch ein bißchen nachlesen oder Austausch mit anderen DJs tut gut -www.Tangodj.org bietet viele Links, und Tango-dj group ist eine weltweite Diskussions-Group.
Obiges ist eine Zusammenfassung meiner Erfahrungen, und kein Lehrbuch - daran halten muss man sich also nicht. Es gibt keine best practice für DJing, andere Regel funktionieren ebenso. Ich möchte lediglich einen Überblick über meine Strategie geben, denn Nachahmung hilft Anfängern, einen eigenen Stil zu entwicklen. DJing hat auch viel mit Selbstvertrauen zu tun: was immer aufgelegt wird, positives sowie negatives Feedback sind so gut wie sicher. Also: nicht depressiv werden, sondern weitermachen - und nicht immer auf die hören, die am lautesten schreiben. Mein letzter Ratschlag ist:
Wenn du auflegst, sei du selbst: eine einigartige Person mit einem einzigartigen Stil! Tu, was du magst, und was deine Tänzer mögen - und hab Spaß daran!